Zur Stippvisite nach China

2010/06/30 / Keine Kommentare

Autor: Wolfram R. Bauer
Erkundungsreise für ein Trinkwasserprojekt in Nordchina

Diffuses Licht liegt bleiern über dem großzügigen Flugfeld des Beijing Capital Airport. Sanfte Landung. Zügige Gepäckauslieferung. Passkontrolleurrinnen, die hinter ihrer zu steif und groß wirkenden Uniform den Anflug eines kurzes Lächeln blitzen lassen. Es ist meine erste Ostasienreise ins Reich der Mitte. Zwei Jahre Vorbereitung. Zwei Projekte in der Tasche. Vier Experten im Team.

Worüber wir uns Gedanken machen? Wie wir unter extremen Bedingungen in ländlichen Regionen der Seidenstraße mit knappsten, salzbelasteten Wasserresscourcen, dezentrale Trinkwassersysteme entwickeln können – gemeinsam mit den Chinesen. Anlagen, mit einer guten Eco-Bilanz, klima- und wartungsfreundlich, preiswert im Betrieb und langjährig belastungsfähig. Autark. Als unabhängiges junges Berliner Institut arbeiten wir mit verschiedenen Universitäten in Deutschland und China, aber auch mit Industriepartnern aus beiden Ländern zusammen. Ein Joint-Venture, nicht nur für Nordchina, sondern für wüstennahe Regionen der Welt.

Wir fragen uns, wie das ist in einem Land mit militanten Straßen-Milizionären, abgeschnitten von der Google-Welt des Wissens? Als Land in der Größe Europas, aber mit fast doppelt so vielen Einwohnern, sieben Sprachen und unzähligen Dialekten? Ein Staat nach langen Selbstfindungs- und Experimentalphasen, der nach den Missbräuchen während der Kulturrevolution auch die anfänglichen Sympathien aller europäischen Studentenbewegungen in den siebziger Jahren verlor. Wir haben es verfolgt, wie China in den letzten Jahren nicht unbeträchtliche Anteile der Rohstoffe Afrikas und der dortigen Wirtschaft erobert hat und  wie die eigene Staats- und Privatwirtschaft an den Küsten des Landes boomt. Airbusse werden montiert, alle renommierten Automobilfirmen der Welt lassen produzieren, professionelle Solarmobile werden gebaut und ein anwendungsorientiertes Raumfahrt-programm designt. China chanchiert jetzt in der Einstufung – je nach Region – zwischen einem High-Tech-Spitzenland, Industrie-, Schwellen- oder Entwicklungsland.

Flughafen Beijing

Foto WRB, Beijing Capital International Airport, 2010

Ein Van schluckt pünktlich am Airport unser Gepäck und uns. Und schon rollen wir auf die Autobahn. Die Bäume an den Rändern der achtspurigen Autobahn sind noch kahl nach dem langen Winter. Der Himmel bleibt auch zur Mittagsstunde diffus. Aber die acht Verkehrsspuren sind mit bunten Autos vollgestopft. Neue VWs und Audis dominieren den Blick. Taxifahrer in China-Jetta-Cars gehören nicht zu den Schnellsten. Nur unser Van braust, ständig Spuren wechselnd, zum Mittelpunkt der 16 Millionen Menschen City. Mein iPhone hat vollen Empfang. Wow, die Welt ist nicht vergessen.

Ein Holiday Inn Hotel wird unser Rastplatz für die erste Nacht. Fünftausend Meter von der verbotenen Stadt entfernt, nahe der Normal University, im zweiten von fünf Innenringen Beijings gelegen, überzeugt es mit seinem geschmackvollen Interieur, den ausgewählten Natursteinverkleidungen in perfekter Verarbeitung. Vor den Fenstern unserer Zimmer in den oberen Etagen breiten sich die endlos scheinenden Häuserwelten aus. Nur der Rest eines Carrées aus Beijings Vergangenheit schaut anders aus, mit kleinen Häusern, die sich mit ihren aus Pappe, Ziegeln und Blech gedeckten Dächern hinter graue Mauern ducken, unter großen gelben Kränen gelegen, tief unter uns. Die Nachmittagssonne schimmert mondblass durch den Smog aus Autoabgasen und Wüstenfeinstaub. Autos sausen in endlosen Schlangen über die Highways.

Foto Walter Glässer, Smog über Beijing-Stadt, Nachmittagsstimmung, 2010

Abendessen im Hotel. Der Uni-Chef für Internationale Angelegenheiten kommt zum Empfang. Ein Professor vom Literaturinstitut dolmetscht. Der Dekan des wissenschaftlichen Partnerinstituts, Kung-Fu-Kämpfer mit Humor, eröffnet die runde Tafel. Platzanweisung nach Hierarchie. Nach einem endlosen Menü aus unzähligem frischen Gemüse, köstlich zubereiteten Fleischspeisen und überraschend guten einheimischen Weinen wird zu den vielen Toasts ein edler klarer Brand gereicht. Die kleinen Dosen benebeln nicht das Hirn, aber heben die gute Stimmung.

Nachtspaziergang. Wenig Leute sitzen zu später Stunde noch in den Restaurants. Der Verkehr fließt jetzt langsamer dahin. Weniger Hupen. Weniger Stress. Die Kameras an den Straßenecken schaukeln im Dunkeln. Die Universität als riesiger moderner Campus mit Verwaltungsgebäuden, dem gigantischen Hauptgebäude, in dem alle Institute angesiedelt sind, einem eigenen Hotel, Dozenten und Studentenwohnungen, Mensen, einer Kneipe und Restaurants. Hunderte Studenten laufen in kleinen Grüppchen gickernd durch die Nacht. Ungezwungen. Fröhlich. Freundlich. Nur die aufkommende Müdigkeit weist uns den Weg zurück. Nachtgrüße am Applebook. Erstaunlicher Weise mit Google und schneller Leitung. Es fehlt an nichts. Nur in diesem Hotel? Weiche, etwas zu klein dimensionierte Bademäntel für europäische Konfektions-größen, weiße Pantöffelchen, duftendes Badesalz schmeicheln. Schöne Träume.

Autor: Wolfram R. Bauer

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